Wittgensteinpreis-Träger 2005 Barry J. Dickson
Entwicklung + Funktion von neuronalen Netzwerken, IMP
Research Institute of Molecular Pathology (IMP) 
DIE BRÜCKE ZWISCHEN MOLEKÜLEN UND VERHALTEN
Barry Dicksons Forschungsgebiet liegt zwischen zwei etablierten Ebenen:
„ In der molekularen Neuroscience (oder Molekular- und Zellbiologie)
versucht man, Abläufe auf dem Niveau individueller Moleküle
zu verstehen – wie sich Kanäle öffnen und schliessen, wie
Neuronen kommunizieren. Auf dem System-Niveau hingegen will man verstehen,
wie das Gehirn insgesamt Information verarbeitet.”
Dickson und sein Team am Wiener Institut für Molekulare Pathologie
(IMP) kommen zwar von der molekularen Zellbiologie her. „Wir versuchen
aber, eine Brücke zur System-Ebene zu bauen. Dieses Niveau dazwischen
ist das der neuronalen Netzwerke. Von ihnen ausgehend, kann man versuchen,
höhere Funktionen wie Verhalten, Emotionen, Gedanken etc. zu verstehen.”
Die Entstehung und Eigenschaften dieser Netzwerke hingegen sollen auf
der molekularen Ebene erklärt werden.
Auf dem Gebiet der neuronalen Netzwerke gilt Dickson als einer der international
führenden Wissenschafter. Nach Lehr- und Forscherjahren in San
Diego, Zürich, Berkeley und nochmals Zürich hat der gebürtige
Australier 1998 eine vorläufige zweite Heimat in Wien gefunden,
am Vienna Biocenter, wo das IMP und das IMBA der Akademie der Wissenschaften
nicht nur geografische Nachbarn sind. Seit Januar 2006 leitet er das
IMP. Ein halbes Jahr zuvor wurde ihm der Wittgenstein-Preis 2005 zuerkannt.
Er schätzt ihn umso mehr, als er ihn für eine äusserst
professionell abgewickelte Angelegenheit hält. „Ich kann
das mit der Förderungspolitik etwa in der Schweiz vergleichen und
in den USA, und ich muss selber ziemlich häufig Ansuchen beurteilen
und kann nur sagen, dass das in Österreich auf die bestmögliche
Weise geschieht: eine durchwegs internationale Jury, die nach rein wissenschaftlichen
Kriterien entscheidet.” Das sei nicht an allen österreichischen
Förderungsstellen so.
Die Notwendigkeit angewandter Forschung versteht er zwar, wünscht
sich aber eine bessere Dotation der Grundlagenforschung in Österreich
– denn auf ihr baue letztlich gerade die angewandte Arbeit ja auf.
Was die Folgen des zuerkannten Preises anbelangt, kann er noch nicht
viel sagen. Bisher sei erst ein Mitarbeiter angeheuert worden, der bioinformatische
Analysen durchführen wird. Pläne allerdings gibt es viele.
Die Analysen dienen nämlich dem Aufbau einer Bibliothek, die die
Spezifikationen jedes einzelnen Gens der Fruchtfliege enthalten soll.
Die Fruchtfliege aber (Drosophila melanogaster) ist das Objekt, an dem
das Exempel der neuronalen Netzwerke statuiert wird.
Die männlichen Fruchtfliegen, das haben Dickson und Mitarbeiter
herausgefunden, legen ein Balzverhalten an den Tag, das von einem Netzwerk
im Gehirn gesteuert wird, an dem ungefähr 2.000 der 150.000 Hirnnervenzellen
beteiligt sind. (Das alles lässt sich übrigens unter einem
Lichtmikroskop beobachten.) Inzwischen ist auch gesichert, dass dieses
Netzwerk, das beim Weibchen ebenfalls vorhanden ist, durch ein bestimmtes
Gen gesteuert wird. Beim Männchen ist es aktiv, beim Weibchen inaktiv.
„Aber”, sagt Dickson, „ das ist noch keine befriedigende
Antwort, weil das Gen nur die Expression anderer Gene kontrolliert.
Diese anderen, die den Unterscheid ausmachen, müssen wir noch finden.”
Er möchte herausfinden, was die Gene und Netzwerke tun – ”und
wie sie es tun, auf dem molekularen Niveau. „Genau da kommt der
Wittgenstein-Preis herein. Er gibt uns die Möglichkeit, die Techniken
zu entwickeln, die wir auf der System-Ebene brauchen.”
Insofern fühlt er sich in Wien gut aufgehoben. „It’s fine,
I like it.” Heimweh hat er zwar, aber in Australien wird ihm auf
seinem Arbeitsgebiet nicht Vergleichbares geboten. Zum Glück für
Austria.

Wittgensteinpreis TrägerInnen Club
























