Wittgensteinpreis-Träger 2004 Univ. Prof. Dr. Walter Pohl
Frühmittelalterliche Geschichten und Kulturen
Institut für Mittelalterforschung / Österreichische Akademie der Wissenschaften ÖAW
Details Institut für Mittelalterforschung 
Univ.Prof.Dr. Walter Pohl Institut für Mittelalterforschung 
Wittgenstein Projekt 2005 - 2009 
AM URSPRUNG EUROPÄISCHER IDENTITÄTEN
„Ein Volk, das sich Germanen nannte, hat es vielleicht nie gegeben.” Dieser Satz mag einigen spät Geborenen sehr sauer aufstossen, die meisten anderen werden sich schlicht wundern. Doch Walter Pohl hat gute Gründe für die Annahme. Seit rund 20 Jahren arbeitet er über die beginnenden Identitäten von Völkern im Frühmittelalter. Er hat damit eine eigene „Wiener Schule” der Geschichtsforschung begründen geholfen. Der Wittgenstein-Preis 2004, mit dem diese Leistung honoriert wurde, ermöglicht Pohls Team zugleich eine systematische Vertiefung der Erkenntnisse. An ihrem Beginn stehen scheinbar banale Fragen: „Weshalb”, so heißt es im Überblick des Wittgenstein -Projekts, „betrachtet sich jemand als Bayer oder Deutscher, Engländer oder Brite, Italiener oder ,Padanier'? ” Der Blick fast 1500 Jahre zurück erhellt die Problematik, er kann sogar – das ist eine der Hoffnungen des Projektleiters – zur Einschätzung gegenwärtiger und zukünftiger ethnischer Konflikte beitragen.
„Der Preis”, so Pohl, „erlaubt mir einen Qualitätssprung in der Forschung. Nach einem Jahr zeichnet sich bereits ab, wie vielfältig sich die europäischen Identitäten am Anfang des Mittelalters entwickelten.” Zwar stimmen zum Teil die Klischees – Barbarei, Rückfall, raue Zeiten –, zugleich aber sei es die Periode gewesen, in der neue Völker entstanden sind, wie man sie bis heute kennt – mit Ausnahme der eingangs erwähnten Germanen, die tatsächlich eher Fremdwahrnehmung als Selbstzuordnung darstellten. „Dass die damals entstandenen Ethnien politische Herrschaft legitimiert und etwa einen König der Schweden oder Ungarn hervorgebracht haben, war keineswegs selbstverständlich; man denke an die ganz anderen Entwicklungen im arabischen Raum, in Byzanz oder in Indien.”
Das zweite für das Projekt wichtige Moment war die Herausbildung der christlichen Identitäten im Mittelalter (der Plural ist bewusst gewählt: Es gab durchaus sehr verschiedene Entwürfe eines christlichen Daseins). Eigentlich sollte das universal Religiöse dem partikular Ethnischen widersprechen. „Aber auch das Christliche hing mit der Herausprägung der ethnischen Staaten zusammen, weil keines der Königreiche ohne kirchliche Basis entstehen konnte.” In der Bibel selbst fanden sich genügend Anhaltspunkte für eine entsprechende Auslegung.
Mit dem bisher Gesagten hat Walter Pohl nur einen Bruchteil dessen skizziert, was sich an Quellenstudium in diesem fruchtbaren Geschichtsabschnitt auftut. Das Wittgenstein - Geld ebnet den Weg. Es ist „dry money”, very dry, das heisst, es kommt allen ausser dem Preisträger selber zugute (sieht man von Forschungsreisen und Ankäufen für das Institut ab). Aber das sei auch sinnvoll, „es hilft jüngeren Leuten, sich ohne ständige Geldsuche einzuarbeiten – eine Art Umweg-Nachwuchsförderung”.
Speziell in den Geistes- und Sozialwissenschaften sieht Pohl es als Aufgabe, MitarbeiterInnen die Profilierung durch eigene Veröffentlichungen zu bieten, „damit sie nicht nach Beendigung des Projekts rauskippen und nichts vorzuweisen haben”. Zugleich aber soll die Handschrift des Preisträgers erkennbar sein. Das bedeutet eine Gratwanderung und „so wenig Zeit wie noch nie”. In vielen anderen Ländern sei es möglich, Teile einer Forschungsdotation dafür zu verwenden, für die Lehrverpflichtungen teaching replacements zu finden und selber für die wissenschaftliche Arbeit freigestellt zu werden; aber nicht in Österreich.
Weiters positiv am Wittgenstein-Preis sei jedenfalls, dass man sich nicht ständig um Drittmittel bemühen müsse. Und man habe intensiveren Kontakt nicht nur mit den Kollegen im eigenen Bereich. „Ich lerne auch die anderen Preisträger kennen – Renée Schroeder hat ja einen Klub gegründet –, und das sind sehr interessante Leute!”

Wittgensteinpreis TrägerInnen Club























