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Wittgensteinpreis-Träger 2001 Univ. Prof. Dr. Meinrad Busslinger

Molekularbiologie, Institut für Molekulare Pathologie IMP

Research Institute of Molecular Pathology (IMP) ext

Meinrad Busslinger ext

mail busslinger@imp.ac.at

IDENTITÄT PER KIPPSCHALTER

Meinrad Busslinger geriet in den 70er-Jahren als „kleiner” Doktorand mitten hinein in die Revolution der Biowissenschaften und durfte Schweizer Giganten des Fachs, darunter seinem Mentor und Doktorvater Max Birnstiel, bei ihren Pioniertaten auf die Finger sehen.

Von da an hielt sich Busslinger standfest auf der revolutionären Welle, auch wenn sich diese zuweilen zur „mächtigen Wand” auftürmte, und stieß tatsächlich auf Neuland. Mit seinen Erkenntnissen revidierte er das Bild, das sich die Genetiker von den Gesetzen ihrer Mikrowelt gemacht hatten. Denn die Identität organbildender Zellen ist keineswegs, wie lange Zeit angenommen, eindeutig festgelegt, sondern plastisch und für Vielfalt recht zugänglich. Eine Vielzahl anerkannter Publikationen aus Busslingers Gruppe führte hin zu dieser wichtigen Entdeckung, die im Triumph eines Cover - Artikels im Weltrang -Journal „Nature” gipfelt. Der gebürtige Schweizer wurde dafür mit dem Wittgenstein - Preis 2001 belohnt.

Ganz am Anfang war ein kapriziöses Seeigel - Gen gestanden, dessen Information nirgendwo anders als in den Saugfüsschen des Tieres abgelesen wird. „Da wollten wir wissen”, erinnert sich der Forscher, „was denn dafür verantwortlich ist, dass dieses Gen nur in diesem Organ abgelesen wird.” Um den verantwortlichen Transkriptionsfaktor zu reinigen, fehlte es allerdings im meerfernen Zürich an genügend Seeigelembryonen.

Als Busslinger 1987 Max Birnstiel nach Wien folgte, wo dieser nunmehr das neu gegründete Institut für Molekulare Pathologie (IMP) leitete, hatte er das Modellsystem des Seeigels bereits mit etwas Besserem ersetzt, nämlich den blutbildenden Stammzellen, die sich über diverse Zwischenstufen in das gesamte Spektrum der Immunzellen entwickeln können. Fortan konzentrierte er sich auf jene Transkriptionsfaktoren, die aus lymphoiden Vorläuferzellen Schritt für Schritt reife B - Zellen werden lassen – das sind jene hoch spezialisierten Produzenten von Antikörper - Schilden, die Krankheitserreger binden und unschädlich machen. An Hand der Information aus dem Seeigelsystem gelang es Busslinger, das dem Seeigel - Transkriptionsfaktor verwandte Pax5 - Protein aus B - Zellen zu klonen.

„In der Folge konnten wir mit Hilfe von Knockout - Mäusen, denen das Gen für den Transkriptionsfaktor Pax5 fehlte, nachweisen, dass ohne Pax5 der letzte Schritt zur vollwertigen B - Zelle nicht stattfindet.” Zudem stellte Busslingers Team verblüfft fest, dass sich die Pax5-freien Vorläufer - B - Zellen in der Kultur nicht bloss zurückbildeten, sondern sich in der Folge zu allen anderen Immunzelltypen ausdifferenzieren konnten.

„Auf diese Weise haben wir erstmals neuartige Einsichten in den Determinierungsprozess von Zellen gewonnen. Wir haben gezeigt, dass Pax5 bei der B - Zelle alle Gene ausschaltet, die andere Entwicklungsmöglichkeiten zulassen, und dass es zugleich die spezifischen Rezeptoren und Signalübermittler der B - Zellen - Funktion einschaltet. Das Abdrehen von Genen spielt bei der Identitätsbildung von Zellen also eine ebenso große Rolle wie das Andrehen. Dieses Prinzip lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf jede Organbildung anwenden.”

Statt den Wittgenstein - Preis in die eigene Gruppe, „in der es nur mehr vom Selben gegeben hätte”, zu investieren, setzte Busslinger auf Diversität und beschloss, „einem jungen Wissenschafter die einzigartige Chance zu geben, am IMP eine Forschergruppe aufzubauen”. Per internationaler Ausschreibung suchte und fand er den T - Zell - Spezialisten Ludger Klein. „Ich wollte jemanden, der unabhängig ist, aber auf dem gleichen Gebiet forscht, und das hat sich als sehr befruchtend erwiesen.”

Meinrad Busslinger