Wittgensteinpreis-Träger 2000 Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich
Andre Gingrich
Socio-Cultural Anthropology, University of Vienna and Austrian Academy of Sciences
Sozial- und Kulturanthropologie, Universität Wien und Österreichische Akademie der Wissenschaften
In einem 3 Sat- Interview von 2005 gibt Andre Gingrich Auskunft über praktische Problemlösungs-Kompetenzen der Sozialanthropologie. Die im Interview diskutierten Beispiele handeln von den Revolten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Pariser Vororten im Herbst 2005.
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ANTHROPOLOGISCHE KONZEPTE UND ETHNOGRAPHISCHE METHODEN: DIE GÜLTIGKEIT DES FREMDEN BLICKS
Der Kultur- und Sozialanthropologe Andre Gingrich untersucht Kulturen in Südarabien, in Tibet und im Himalaja, speziell mit Bezug auf Geschlechterbeziehungen, Sozialräume, geheiligte Stätten und lokale Reaktionen auf äusseren Druck. Im Blickfeld sind dabei die Wechselwirkungen zwischen mehrheitlichen und Minderheitenkulturen und damit auch der mögliche Transfer auf europäische, sogar speziell österreichische Verhältnisse.
Vor seiner Hinwendung zu anthropologischen Studien wurde Gingrich durch sein frühes, aktives Interesse für Dritte - Welt - Bewegungen geprägt. Ein weiterer Faktor war die für Wien „eher untypische Familienzusammensetzung: Mein Vater ist als amerikanischer Soldat nach Wien gekommen und in Europa geblieben, meine Mutter ist mit wenigen Familienangehörigen vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet und nach 1945 zurückgekommen.” Das habe ihn für marginale, interkulturelle Situationen sensibilisiert.
Einer der zwei Wittgenstein – Preise 2000 ging an den Sozial- und Kulturanthropologen Andre Gingrich (Univ. Wien und ÖAW). Dies diente als Basis für das Projekt ‚Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse' an der ÖAW (2001–2007) sowie für die damit verbundenen Kooperationen. Die leitende Fragestellung bezog sich auf die Interaktionsformen lokaler kultureller Identitäten mit überlokalen Einflüssen. In Weiterentwicklung von Arbeiten durch Eric Wolf, Marshall Sahlins und Marilyn Strathern wurde die Hypothese entwickelt, dass diese Modalitäten zu drei Hauptformen von Abschottung, Beteiligung oder Auflösung ausgestaltet werden – die sich dann auf verschiedene Weise miteinander verbinden. Zur empirischen Überprüfung erforscht wurden dafür sozio – religiöse Begegnungen in den muslimischen Lebenswelten Nordafrikas und Westasiens, kulturelle und rechtliche Ansprüche in westlichen und östlichen Arenen europäischer Transformationen, und drittens ritualisierte Formen dörflichen Lebens im buddhistischen Zentralasien. Methodologisch wurden neue Verfahren der ethnografischen Feldforschung kombiniert mit aktuellen oder historischen Textanalyen sowie mit systematischem Vergleich. Doktorand/inn/en der Universität Wien und eine Koordinationsgruppe waren mit der Umsetzung betraut; die methodologische Reflexivität wurde vertieft durch Arbeiten zur Disziplingeschichte und ein „translational“ Projekt des FWF. Das Projekt hat den Abschluss von zwölf Dissertationen, neun Diplomarbeiten und zwei Habilitationen gefördert. 2007 war fast ein Drittel an Preis- geförderten Arbeiten der Jüngeren mit weiteren akademischen Nachwuchspreisen ausgezeichnet.
Der bibliometrische Ertrag des Projekts beläuft sich auf über 20 Buchpublikationen in Verlagen der USA und Europas und auf über 150 wissenschaftliche Artikel und Berichte. Institutionell gründete die ÖAW aus der Kerngruppe das heutige „Institut für Sozialanthropologie“ (ISA)
mit seinem weiten Kooperationsnetz.
Auf Initiative des Wittgenstein-Projektes gehen die seit 2002 durchgeführten „Internationalen Eric Wolf Lectures“ zurück, welche ISA, IFK und das Universitätsinstitut für Kultur- und Soialanthropologie nunmehr jährlich abhalten. Wichtige neue Erkenntnisse des Wittgensteinprojektes betreffen die Diversität der Globalisierung, was Einsichten von Ulf Hannerz, Arjun Appadurai und anderen vertieft: Politische ‚Abschottung’ und ökonomische Stagnation können die wachsende ‚Partizipation’ in Teilen von Mittel- und Südosteuropa gefährden; hingegen kämpfen viele buddhistische Kulturen Zentralasiens an ihren Rändern oft mit Tendenzen der Auflösung. Als Verbindung von wirtschaftlicher Partizipation mit der Tendenz zur religiösen Abschottung repräsentiert der Islamische Nahe Osten in dieser Hinsicht oft das größte Paradoxon.

Wittgensteinpreis TrägerInnen Club
























