Wittgensteinpreis-Träger 2000 Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich
Ethnologie Kultur und Sozialanthropologie, Universität Wien
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie
Department of Social and Cultural Anthropology 
Kommission für Sozialanthropologie (GERMAN) 
DIE GÜLTIGKEIT DES FREMDEN BLICKS
Der Wiener Ethnologe Andre Gingrich untersucht Kulturen in Südarabien, in Tibet und im Himalaja, speziell mit Bezug auf Geschlechterbeziehungen, Sozialräume, geheiligte Stätten und lokale Reaktionen auf äusseren Druck. Im Blickfeld sind dabei die Wechselwirkungen zwischen mehrheitlichen und Minderheitenkulturen und damit auch der mögliche Transfer auf europäische, sogar speziell österreichische Verhältnisse.
Vor seiner Hinwendung zu anthropologischen Studien wurde Gingrich durch sein frühes, aktives Interesse für Dritte - Welt - Bewegungen geprägt. Ein weiterer Faktor war die für Wien „eher untypische Familienzusammensetzung: Mein Vater ist als amerikanischer Soldat nach Wien gekommen und in Europa geblieben, meine Mutter ist mit wenigen Familienangehörigen vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet und nach 1945 zurückgekommen.” Das habe ihn für marginale, interkulturelle Situationen sensibilisiert.
Sein Engagement in Tibet habe damit zu tun, dass es dort seit vielen Generationen eine ausgeprägte österreichische Forschungstradition gibt, verbunden mit Namen, die schon lange vor Heinrich Harrer überregionale Bedeutung hatten. Und mit Professor Steinkellner gebe es in Wien einen weltweit absoluten Spitzenmann auf dem Gebiet der Textkunde. „Er hat die Ethnologen, die sich für dieses Gebiet interessieren, tatkräftigst gefördert und ist unser Mentor geworden. Wir waren über lange Zeit das einzige sozialwissenschaftliche Projekt aus einem europäischen Land – und neben einem amerikanischen Projekt das einzige überhaupt –, das in Tibet arbeiten konnte und nicht ständig chinesischer Kontrolle ausgesetzt war.” Gingrich interessiert sich grundsätzlich dafür, wie lokale Kulturen in unterschiedlichen Phasen der Globalisierung auf globale und lokale Einflüsse reagieren. „Manche geraten so sehr unter Druck, dass sie tatsächlich zerfallen, manche reagieren mit erbitterter Opposition, dritte wiederum schaffen es in der einen oder anderen Form, auf diese überlokalen Einflüsse kreativ zu reagieren, indem sie neue Formen von Hybridität erzeugen.”
Im Jahr 2000 bekam Andre Gingrich einen der beiden Wittgenstein-Preise verliehen. Damit bestätigte sich für ihn der Aufwärtstrend, den die Kultur- und Sozialanthropologie in den letzten Jahren erfahren hat. Einen Teil des Preisgeldes will er zur Forcierung eigener Feldforschungen in Asien nutzen und zu deren Veröffentlichung in Konferenzen, Medienberichten und Buchpublikationen.
Zum anderen hat Gingrich damit seit Anfang des Jahres an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen Forschungsschwerpunkt zum Thema „Lokale Interessen und überlokale Einflüsse” eingerichtet: „In diesem Schwerpunkt werden in eng vernetzten Arbeitsgruppen Konfliktentwicklungen in der postkommunistischen Peripherie Europas, religiöse Entwicklungen im Islam und Ethnizität in Zentral-und Südostasien studiert und miteinander verglichen.”
Erstes Teilergebnisse dieser Arbeiten sollen 2001 von Günther Windhager in einem Buch vorgelegt werden, das sich mit dem Wirken des Altösterreichers jüdischer Herkunft Leopold Weiss befasst, der unter dem Namen Muhammad Asad in Saudi - Arabien, Pakistan und weltweit für den Islam tätig war. „Dieses historische Beispiel eines ‚Grenzgängers zwischen den Kulturen‘”, sagt Gingrich, „soll zugleich Anregungen liefern für den Umgang zwischen den Kulturen heute.”

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